Aus der Spur – Gespräch

Kooperatives Projekt
im Rahmen von ÜBERLEBENSKUNST.SCHULE

Sauberkeit und Hygiene
Ein Gespräch zwischen Dennis Feser und Rahel Puffert

Dennis, was hälst du von der derzeitigen Inflation des Nachhaltigkeitsbegriffs? Wie beurteilst du das?

„Nachhaltigkeit“ ist ja ein sehr abgenutzter Begriff, der mittlerweile für alles gebraucht wird. Die breite gesellschaftlichen Rückendeckung kommt wohl auch durch den Krisenmarathon der vergangenen 15 Jahre: Sicherheiten von Sozial-, Bildungs- und Rentensystemen schwinden – alles wird immer komplexer und ständig reformiert. Vor dem Hintergrund ist die Idee verheißungsvoll, jetzt mal „nachhaltig“ zu sein und Probleme ein für allemal zu lösen, also ein System zu entwickeln, das z. B. Bildung und Soziales nicht mehr gegeneinander ausspielt. Kein Wunder, dass sofort „die Natur“ die Hauptrolle spielt, als eine Instanz, die sich irgendwie außerhalb unserer komplexen, konfliktbehafteten Zivilisation befindet. Irgendetwas Friedliches, Reines und Gesundes, wohin man zurückkehren könnte, wenn man nur wollte – durch Entschleunigung, Muße, Reduktion. Diese Projektionen auf das, was wir Natur nennen, sind ja nicht neu und sie werden in Krisen immer wieder reaktiviert.

Das stimmt. Kulturgeschichtlich ist die Losung „Zurück zur Natur“ keinesfalls neu. Man findet sie in der Romantik, im Jugendstil, der Jugendbewegung, und natürlich mit Beginn der ökologischen Bewegungen des 20. Jahrhunderts. Was sie verbindet ist die Vorstellung von der Natur als einer Quelle für Reinheit, Unschuld und Unverdorbenheit – die Natur als hoffungsvolles Gegenüber einer degenerierten Zivilisation.

Das Problem an den romantisierten Naturvorstellungen ist, dass sie den Blick für ganz konkrete Konflikte verstellen. Bei aller notwendigen und vollkommen berechtigten Zivilisationskritik – ich fand es trotzdem schwer zu verdauen,  dass das ÜLK-Festival beispielsweise erst einmal einen gewaltige Ausstellungsarchitektur ins HKW [Haus der Kulturen der Welt] zog, der einige meiner Meinung nach wichtige und hart erkämpfte zivilisatorische Errungenschaften – z.B. „Barrierefreiheit“ – über den Haufen warf. Bei einer rein künstlerischen Installation hätte ich da keine Probleme. Aber hier ging es ja um eine Architektur, die dezidiert über das Ästhetische hinausgehen und in der das Zusammenleben der Zukunft diskutiert werden sollte. Da stellt sich doch die Frage, wer es überhaupt schafft, reinzukommen und mitzudiskutieren. Klar gab es dann nach Protesten einen Lift, den man bestellen konnte. Aber es ist ein Unterschied, ob man gezwungen wird, um Hilfe zu bitten, oder ob man es schafft, ein Setting zu verwirklichen, das Freiräume bietet.

Inwiefern ist dieser „Fehler“ für dich signifikant?

Ich wollte den Begriff „Nachhaltigkeit“ und das Konzept einer Bildung für nachhaltige Entwicklung [BNE] danach befragen, welche Rollenzuweisungen und Ausschlusskriterien sie produzieren. Das ist eine Frage von Hygiene: Hygiene verstanden als die Kunst, Grenzen undurchlässig zu machen für Organismen, die nicht dazugehören. Mich interessiert, welche Prozesse ablaufen – absichtlich oder nicht –, die ein Projekt, eine Ausstellung oder ein Festival nicht nur sauber, sondern rein halten? Ich will mir die gehandicapte, schwierige Seite des Ganzen ansehen, die nicht nur kompetenzgestählt der Zukunft entgegenschreitet. In welchen Zukunftsszenarien spielen die Erfahrungen, die dort gemacht werden, eine Rolle? Deshalb entschied ich mich, mit einer Förderschule zu arbeiten und während des Festivals mit dem Workshop „Der Sound der Sauberkeit“ zum Thema Hygiene in das Schulprojekt zu starten.

Das klingt so, als ob du dem Projekt ÜBER LEBENSKUNST auf den Zahn fühlen wolltest hinsichtlich der Ernsthaftigkeit seiner Ansprüche. Als sei deine Zielgruppe so eine Art Testgruppe. Haben sich deine Befürchtungen denn bestätigt?

Erstmal ist es ja nichts Ungewöhnliches oder Schlimmes, sondern etwas sehr Menschliches, den eigenen Ansprüchen nicht zu genügen. Und ich bin auch nicht Künstler, um irgendwann als altmeisterlicher Ölschinken im Museum zu landen. Mir geht es viel um meine eigenen Unfähigkeiten und Grenzen. Kunst bietet mir den Raum, diese produktiv und leidenschaftlich anzugehen. Deshalb benutze ich die Teilnehmer eines Workshops auch nicht als eine Art Munition, um eine Konfrontation zu erzeugen. Ich möchte einen liebevollen Blick auf „Schwächen.“

Im Endeffekt bleiben mir nach zwei Jahren ÜBER LEBENSKUNST aber sehr große Zweifel an der Offenheit und Fruchtbarkeit des Diskurses um Nachhaltigkeit. Bei der Eröffnungsveranstaltung von ÜBER LEBENSKUNST sagte ein Referent, dass er hoffe, das Bildungsprojekt helfe Menschen „in Neuköln“, ein Bewusstsein für Nachhaltigkeit zu entwickeln. Ich glaube, die Nachhaltigkeitsjünger müssen ebenso ein Bewusstsein entwickeln für Verständnisformen von Nachhaltigkeit, die nicht die eigenen sind. Ich gebe in meinen Projekten keinen Nachhaltigkeitskanon weiter, sondern will selbst etwas von den TeilnehmerInnen lernen, einen anderen Blickwinkel einnehmen. Bildungsprojekte werden so gerne gemacht, weil ExpertInnen sich unverstanden fühlen. Um deren feststehendes Wissen weiterzugeben. Gerade Kunst ist für diese Ansprüche eigentlich seit hundert Jahren glücklicherweise völlig ungeeignet.

Inwiefern kann Kunst denn heute an diesem anderen Blick arbeiten? 

Eigentlich arbeiten Künstler doch schon immer, aber spätestens seit der Erfindung der Fotografie extrem stark daran, unseren Blick auf die Welt durch die unterschiedlichsten Medien zu reflektieren. Wie konstruieren wir die Welt durch die Art und Weise, wie wir sie ansehen? Wir sind heutzutage ständig von Bildern umgeben, die so tun, als seien sie echt, aber sie reproduzieren pausenlos die gleichen Klischees. Auch das, was wir über den Klimawandel wissen, wissen wir durch Rechenmodelle und Animationen, also durch die medialen Konstruktionen von Wirklichkeit. Als der französische Filmemacher Jean-Luc Godard vorschlug, dass man keine politischen Filme, sondern Filme politisch machen sollte, ging es ihm darum, die grundsätzlichen Bedingungen der industriellen Medienproduktion offen zu legen und nicht innerhalb des Systems das nächste Melodram über Verlierer zu machen. Ich finde den Gedanken immer noch großartig und ich denke, man kann mit Jugendlichen hervorragend damit spielen, wie Wahrnehmung auf den verschiedenen medialen und vermeintlich direkten Kanälen funktioniert. Ohne dass man ein Lernziel vorgibt – die Ideen und der Wissensdrang kommen von alleine. Eine ganz entscheidende Erfahrung beim Umgang mit Abbildungsgeräten ist, dass es unendliche Möglichkeiten der Inszenierung gibt und man ein und denselben Gegenstand sehr unterschiedlich darstellen kann. In der offiziellen Diskussion um Nachhaltigkeit geht es immer noch um „richtig“ und „falsch“: Menschengemachter Klimawandel – ja oder nein. Künstlerisch gebildete Menschen diskutieren differenzierter und fragen nach, aus welcher Perspektive diskutiert wird.

Fühlten sich deine TeilnehmerInnen ausgeschlossen oder auf dem Festival überhaupt angesprochen? Und lässt sich das im Mittelschichtsniveau Besprochene mit dieser Klientel weiterführen? 

Die Gruppe der Finkenkrug-Schule, einer Förderschule für geistige Entwicklung, die ich zum Festival einlud, fand die beiden Tage am HKW natürlich super: gutes Essen, ein spannendes Haus und die intensiven Höreindrücke, die der Radioworkshop ermöglichte waren natürlich etwas Besonderes. Dieser Effekt wird ja in der Kunstvermittlung, wenn Schulklassen Kunstorte besuchen, immer hervorgehoben …

Zurück an der Schule war die Situation aber eine ganz andere. In einer Nachbereitung des Festivals wurde gemeinsam entschieden, eine Art Bühnenraum aus nutzlosen Gegenständen zu bauen, die im Keller der Schule auf den Sperrmüll warteten. Als wir dann im Keller stöberten, meinte ein eigentlich Unbeteiligter zu einem Jungen, mit Müll würde nur jemand arbeiten, der nicht richtig im Kopf sei. Das machte natürlich gleich die Runde und wurde zu einem richtigen Problem: Ein paar Kids weigerten sich total, sich das Zeug aus dem Keller anzuschauen, es kamen eine Menge Aggressionen hoch, eine Scheibe ging zu Bruch. Irgendwie war das auch nicht mehr zu kitten und die Idee hatte von da an ein schlechtes Karma. Mir wurde so klar, dass es in unserer gemeinsamen Arbeit um den Umgang miteinander gehen musste und um das Selbstbewusstsein, zu einer Idee zu stehen.

Interessant, wie wenig manchmal reicht, um eine Situation gemeinsamer Spannung und Neugier komplett zum Kippen zu bringen. Und es sind oft diese Verkürzungen, die das Leiden an Problemen erst erzeugen, denn eigentlich liegen die Dinge ja nun mal komplizierter. Gerade bei der Arbeit mit „besonderen Zielgruppen“ zeigt sich häufig, dass die pädagogische Arbeit eigentlich mit den Erwachsenen, BetreuerInnen, Involvierten geleistet werden müsste …

Ja, aber darüber hinaus wäre noch etwas wichtig: Beziehungen, Verhaltensweisen und Prägungen haben eine lange Geschichte. Selbst an einer Schule, wo ja der Altersdurchschnitt noch recht niedrig ist. Um hier wirklich wirksam zu werden, sind „Projekte“ nicht ausreichend. Bildung ist kein Projekt, sondern eine langwierige, langsame, kontinuierliche und wunderbare Entwicklung. Mit der aktuellen Förderstruktur, die verlangt, alle Nase lang das Rad neu zu erfinden und ständig Ergebnisse zu liefern, damit die Projektfonds und Stiftungen ihr Dasein legitimieren können, ist das natürlich nicht drin.

Meinst du, BNE müsste sich mehr um diese Art von sozialem Umdenken kümmern als etwa um Themen wie ökologische Ernährung oder Konsumkritik? 

Na klar! Nachhaltigkeit im landläufigen Sinn ist ein Luxus, den man sich leisten können muss. Seit ich in diesem Über Lebenskunst-Projekt arbeite, laufe ich mit einem schlechten Gewissen herum. Aber ich kann z. B. nicht in einem Laden einkaufen, wo ich Mitgliedsgebühren zahlen muss – das liegt an meiner „sozialen Schwäche“: Im Bereich der kulturellen Bildung wird ja eiskalt einkalkuliert, dass man während der Fortbildungen und Konzeptionsphasen Sozialhilfe beantragen muss. Ich habe gar nicht die Möglichkeit, im landläufigen Sinn „nachhaltig“ zu leben, weil das eine exklusive Konsumgewohnheit geworden ist.  Den Jugendlichen in meinem Projekt geht es aber nicht gerade besser: Da ist auch meist Sozialhilfe angesagt und sie haben natürlich nicht die Familien, die sich durch zehntausend Sonderanträge wühlen. Trotzdem sind sie ziemlich weit vorne im Öko-Ranking, weil sie sich einfach so gut wie nichts leisten können.

Ein Problem scheint mir derzeit zu sein, dass Umweltbewusstsein und Gesellschaftskritik mittlerweile zum guten Ton gehören und auch in den Lehrplänen verankert werden, sich aber habituell und strukturell gar nicht so viel ändert. Wie kann man verhindern, dass das alles zum „Stoff“ wird? 

Wenn man nur richtige Verhaltensweisen vermitteln will, wird Nachhaltigkeit zu einem hohlen, erlernbaren Unterrichtsstoff und suggeriert, alles wäre beherrschbar und zu managen, wenn man nur alle Kompetenzkategorien und sonstigen Aspekte beherzigen würde. Da ist dann viel von Interessenausgleich, von Fairness und Verzicht die Rede. Wenn dann aber entschieden wird, auf was verzichtet wird, wie Interessen ausgepegelt werden und was denn nun fair ist, sind die gleichen Egoismen am Werk, die wir schon lange kennen. Da muss man verdammt wach sein, sonst guckt man auch nur noch von hinten zu. Es war desillusionierend für mich festzustellen, wie philisterhaft es in dem Nachhaltigkeitszirkus zugeht. Ich war noch nie in einem System, das so klischeehaft das Sprichwort „Wasser predigen, Wein trinken“ illustrierte. „Nachhaltigkeit“ ist für mich deshalb mittlerweile vor allem ein dominantes rhetorisches System – als solches allerdings superinteressant.

Die Aussicht, mit bestimmten Kompetenzen und einem gewissen Faktenwissen die entscheidenden Konflikte zu managen, mag politisch notwendig sein. Künstlerisch reicht mir das nicht. Mich interessiert, wie Menschen, die nicht so sehr im Zentrum der Aufmerksamkeit stehen, sich Gehör verschaffen oder ihren eigenen Weg finden können. Fragen von Repräsentation sind, gerade wenn man mit Medien arbeitet, die Entscheidenden: Um noch mal auf die Filmtheorie von Godard zurückzukommen bzw. auf die russischen Avantgardisten der zehner und zwanziger Jahre des 20. Jahrhunderts: Es geht darum, auf welcher Seite der Barrikade die Kamera steht! Wenn man das ernst nimmt, ist es falsch, den SchülerInnen jetzt ein globales Bewusstsein zu suggerieren und ihnen die „Kompetenzen“ zu verleihen, die Bedürfnisse anderer Menschen auf anderen Kontinenten zu „berücksichtigen.“ Man muss ein grundsätzliches Unbehagen sähen, bezüglich der Frage, wer spricht hier eigentlich wie über wen und welche politischen Entscheidungen entstehen daraus?

Welche Bedeutung hat es, dass du als Künstler in die Schule gehst? Wo siehst du die Brücke zwischen deiner TeilnehmerInnengruppe und deiner künstlerischen Arbeit? Anders gefragt: Gibt es überhaupt eine? 

Es ist seltsam davon zu sprechen, aber ich denke, ich selbst habe die Schule nur zu Ende gemacht, weil sich ein paar Lehrer engagierten, eine Theater-AG machten und ich so mit Kunst in Kontakt kam. Später waren dann für mich ein paar Projekte an Theatern und Museen wichtig. Da habe ich gelernt, dass Bilder und Texte etwas sind, was viel mit mir zu tun haben kann, und dass ich mich einbringen kann. Diese ganzen Projekte haben vielleicht nicht immer alle erreicht, aber eben unter anderem mich und da will ich was weitergeben und am Leben halten. Mich haben Kunstprojekte immer begeistert, weil sie nicht in Kategorien gut und schlecht oder richtig und falsch funktionieren, sondern aus der Situation der Handelnden heraus entstehen.

Für mich ist dabei aber entscheidend, dass diese Projekte etwas anderes sind als meine eigene künstlerische Arbeit. Mein Ego hat da erstmal Urlaub. Die Jugendlichen sollen eine möglichst große Freiheit haben, eigene Ideen zu entwickeln. Das versuche ich durch ein sehr offenes spielerisches Vorgehen ins Rollen zu bringen. Durch diesen individuellen und gemeinschaftlichen und im besten Fall persönlichen Prozess der Ideenentwicklung macht man ja Erfahrungen, die sehr grundlegend sind und über das Konzept der BNE-Gestaltungskompetenz weit hinausgehen. In der BNE-Gestaltungskompetenz ist beispielsweise ziemlich lapidar die Rede davon, dass man sich und andere von einer Idee begeistern und zum Handeln motivieren können soll. Aber wie erarbeite ich mir denn eine tragfähige Idee? Das passiert eben nicht nur liegend unterm Apfelbaum. Das hat viel mit Mut, Beharrlichkeit und konstruktiver Kritik zu tun. Und in so einem BNE-Projekt, das ja eine klare politische Bewusstseinsdividende einfordert, hab ich mich schon die ganze Zeit gefragt, ob mir und den TeilnehmerInnen eigentlich zugestanden wird, eine Entwicklung zu durchlaufen, an deren Ende eine Idee steht, die anfangs gar nicht absehbar war.

In der Bildenden Kunst ist es seit fast 100 Jahren so – vielleicht seit Marcel Duchamps´ Flaschentrockner von 1914 –, dass die Idee/das Konzept die entscheidende Komponente eines Kunstwerks ist. Gute Ideen müssen vielleicht nicht mal mehr verwirklicht werden. Der Prozess, zu so einem Konzept zu kommen, ist deshalb das Wichtigste an der Kunst und an meinen Workshops: Er kann bereichernd und manchmal auch verunsichernd sein – darauf Lust zu machen, die Angst zu nehmen und diese Arbeiten zu genießen, darauf kommt es mir an. All das Probieren, Verwerfen, Fokussieren, Recherchieren, Intensivieren. Irgendwer hat das mal „produktives Abhängen“ genannt. Das heißt aber dann, dass ich nicht mit fertigen Konzepten – oder einer hieb- und stichfest nachhaltigen Projektidee – an eine Gruppe herantrete.

Wodurch zeichnet sich für dich das Arbeitsfeld Schule aus? ÜBER LEBENSKUNST. Schule war ja als Modellprojekt konzipiert. Was sind aus deinen Erfahrungen – gerade auch in struktureller Hinsicht – die größten Herausforderungen für die Arbeit von KünstlerInnen in der Schule?

In der kulturellen Bildung wird das eben Gesagte oft zu einem Problem: Stiftungen und Projektfonds wollen möglichst früh möglichst genau wissen, was passiert (natürlich ohne vorher selbst einen Cent in die Konzeption zu investieren). Was sie nicht wollen – entgegen allen Beteuerungen – sind offene künstlerische Prozesse. Würde ich „mein“ Konzept verwirklichen wollen, wäre eine Casting-Agentur wohl einer Schule vorzuziehen. Ich nenne das eine strukturelle Verlogenheit im Kooperationsbusiness: Leute geben sich da als Künstler aus und lassen ihr Konzept von SchülerInnen umsetzen. Das, was die Kids aber gar nicht mitbekommen, ist der Kern des künstlerischen Arbeitens: die Entwicklung einer Idee. Unter solchen Bedingungen kann für mich dann eine Arbeit an Schulen nicht „meine“ künstlerische Arbeit sein, ohne dass die Teilnehmenden zum Material werden. Auch deshalb trenne ich meine künstlerische Arbeit von meinen Workshops. Als Künstler bekomme ich meine Förderung, meine Stipendien oder meine Preise für frühere Projekte, die sozusagen eine Referenz bilden. Da spielt Vertrauen eine große Rolle. Ich verfasse dann einen kurzen Text, um die Mittel abzurufen. Solche Förderstrukturen sind kein technisches Detail: Sie sind die Basis für freies, künstlerisches Arbeiten und letztlich auch für eine Qualität, die aus dem Arbeitsprozess hervorgeht. Wenn also beklagt wird, dass Kunst an Schulen zu wenig als Kunst respektiert wird, muss man über die Bedingungen künstlerischer Freiheit reden. Nicht als diffuse Freiheitsdiskussion, sondern um Klarheit darüber zu bekommen, was man braucht, um auf spezifische Situationen reagieren zu können.

Was nun die Bedeutung einer solchen Arbeit an Schulen ist? Ich bin mir da gerade gar nicht mehr so sicher. Die Diskussion um Bildungsstandards und Kompetenzen ist ja auch wichtig, aber in künstlerischen Projekten geht es vielleicht eher darum, aus gutem Grund von Standards abzuweichen. Es ist wichtig, dass die Jugendlichen, gerade wenn sie nicht im Fokus der Aufmerksamkeit stehen, ihren Teil einfordern. Ich denke, Kunst an Schulen ist wichtig, um die Menschenbilder hinter Standards, Regeln und Normen zu reflektieren und irgendwie dynamisch zu halten, vor allem, wenn sie behaupten, nachhaltig zu sein. Es kann ja nicht nur um Anpassung gehen.

Mich würde zum Schluss noch interessieren: Was hast du an und mit deinen TeilnehmerInnen der Förderschule gelernt? Inwiefern hat sich deine Perspektive gerade im Hinblick auf künstlerische Fragestellungen durch die Zusammenarbeit mit „geistig behinderten“ Menschen geändert?

Ich fand die Arbeit persönlich sehr aufwühlend, auch weil vieles von dem, was mir persönlich wichtig ist, in Frage gestellt wurde oder einen sehr eigentümlichen Weg genommen hat: An der Förderschulenklasse war es sehr, sehr schwer, etwas ins Rollen zu bringen: Ich kenne es eigentlich so, dass ich den Einstieg eines Workshops vorbereite und sich dann aus den ersten Treffen alles Weitere ergibt. Hier dauerte es einfach sehr viel länger, eine konzentrierte Atmosphäre zu schaffen und zu erreichen, dass ungewöhnliche Ideen und Handlungsformen ernst genommen werden können. Gerade habe ich viel von Freiheit und eigenen Ideen gesprochen. Von Kunstgeschichte und Konzeptbegriffen. Das ist den Kids aber herzlich egal gewesen. Ihnen ging es ja um Spaß und darum, auf den Bildern so cool rüber zu kommen, wie man es in den meisten Werbungen für Jugendliche sieht. Viele Körperübungen aus dem Theater zielen aber darauf ab, ungewohnte Gesten und Verhaltensweisen zu testen. Da gab es schon eine Menge Widerstände und ziemlich dicke Bretter zu bohren. Für mich war es eine Riesenüberwindung, auch mal sehr konkrete Vorgaben zu machen und Aufgabenlisten zu erstellen. Ich war mir selbst oft zu streng, aber in diesem Kontext war es notwendig, auch mal Druck aufzubauen: Sonst wäre es unmöglich gewesen, einmal acht SchülerInnen zu bitten, sich auf den Rücken zu legen und schweigend ein- und auszuatmen. Ich kam mir manchmal vor wie ein Feldwebel und hatte plötzlich das Wort „Zirkeltraining“ im Kopf. Dadurch gab es aber auch für die Jugendlichen keine Zeit mehr, sich zu schämen oder etwas peinlich zu finden. Und durch die strukturierte und konstante Arbeit und die damit einhergehende Überforderung kam es wiederum zu wirklich seltsamen Missverständnissen und Ergebnissen, die ich so nie erwartet hätte. Und genau das interessiert mich ja an Workshops: Irgendwas mit den Kids machen, was ich mir selbst anfangs gar nicht vorstellen konnte.

Ich habe schon vor diesem Projekt mit der Förderschule am liebsten Projekte mit Leuten gemacht, die als „Andere“ bezeichnet werden. Und hier an der Finkenkrug-Schule, wie auch zuvor in der Arbeit mit einigen jungen MigrantInnen, ist mir noch einmal deutlich geworden, wie privilegiert man auch sein muss, um sich kritisch über unsere Gesellschaft zu äußern. Wenn du ständig aufgrund deiner körperlichen, geistigen oder kulturellen Eigenheit einem gewaltigen Integrationsdruck ausgesetzt bist und diese Mehrheitsgesellschaft vielleicht auch wegen ihrer wohlgenährten Lässigkeit attraktiv findest und dazu gehören willst, wird es ungeheuer schwer, ihren Verhaltensweisen in einem BNE-Projekt kritisch gegenüberzutreten. Da hilft es ungemein, gesund und ökonomisch abgesichert in Westeuropa pubertiert zu haben. Das stört mich, glaube ich, am meisten an dem BNE-Konzept: Durch die notwendige Komplexität wird es sehr gymnasial. Dadurch wirken die individuelle Lebensgeschichte, die spezifische Situation und die besonderen Eigenheiten der Jugendlichen schnell benachteiligend. All meine künstlerische Energie ist aber darauf ausgelegt, diese Eigenheiten zu respektieren, zu fördern und kreativ wirken zu lassen. Ich habe schon große Zweifel, ob das mit dem BNE-Konzept kompatibel ist.

Der für mich schönste Gedanke hat aber eigentlich gar nichts mit dem Förderbedarf zu tun: Ich war oft donnerstags an der Schule und habe auf dem Rückweg meiner früheren Professorin, Birgit Hein, bei einem Filmschnitt assistiert. Birgit hat in den 1960er Jahren in Köln das erste Kino für experimentellen Film – X-Screen – gemacht und ist für manche Aktionen beinahe in den Knast gegangen. Heute ist sie in die Leitung der Sektion Bildende Kunst an der Akademie der Bildenden Künste hier in Berlin involviert. Und das Schöne ist nun: die Schlaflosigkeit, die Selbstkritik und die Unsicherheit waren in den Arbeitsprozessen von Birgit und den FörderschülerInnen ähnlich. Der entscheidende Unterschied war, dass Birgit mittlerweile wusste, dass die Unsicherheit das Wesentliche in einem künstlerischen Prozess ist. Deshalb konnte sie entspannt bleiben. Ich denke, was man gut durch künstlerische Arbeit vermitteln kann, ist die Fähigkeit, Unsicherheit auszuhalten und das Nicht-Wissen-Können kreativ zu nutzen. Ob der Temperaturanstieg nun mit 2 oder 3 Grad Celsius korrekt vorhergesagt wird, ist dann nebensächlich.