colonial / desire

14-teilige Bild-/Textserie, 2007, Pigmentprints, verschiedene Formate
14-parts series of pictures and texts, 2007, Pigmentprints, various formats

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(…) Die Frage nach der Rolle von ‚Natur‘ bei der Entwicklung von Körperbildern wird besonders deutlich in der Arbeit colonial/desire (2007) gestellt. In einer Fotografie aus dieser 14-teiligen Text/Bild-Serie steht ein mit verschiedenen Salatsorten und Folie ‚bekleideter‘ Mensch breitbeinig auf einem Hochhausdach und schaut auf das von Nebel oder Smog umgebene Häusermeer einer Großstadt. Der in Gemüse gewappnete Krieger – er trägt einen mit Wurzeln bekrönten Helm und ebensolche Wurzeln wie Waffen in den Händen – wirkt seltsam deplatziert. Andere Bilder der Serie, etwa die reproduzierten Kupferstiche Theodore de Brys, die Amerika-Reiseberichte des 17. Jahrhunderts mit Bildern ‚wilder Menschenfresser‘ illustrieren, verweisen auf einen spezifischen Kontext, aus dem heraus die mit Salat gewappnete Figur zu verstehen ist: Sie verkörpert den kolonialen Blick auf vermeintlich unzivilisierte, aber dafür glücklichere archaische Kulturen; ein Blick, der jedoch enttäuscht wird. Angekommen in der Neuen Welt, ist vom Wolkenkratzer aus nur Modernität zu sehen, wo eigentlich das Exotische und Andere erwartet wurden. Da helfen weder die Pose der romantischen Rückenfigur noch der Versuch, sich Natur durch ‚Salatkleider‘ einzuverleiben.

Die europäische Sehnsucht nach einer entdifferenzierten Gesellschaft, die als im Einklang mit der Natur vorgestellt wurde, spiegelt sich in den in colonial/desire verwendeten Naturmaterialien und in der Arbeit am Körper wider: Als distanziert und marginalisiert in der modernen Gesellschaft wahrgenommen, soll der Körper über die ihm zugeschriebene „Natürlichkeitsqualität“ wieder zu einer wichtigen Sinninstanz werden. Doch die mit Reisig, Rüben und Frischhaltefolie produzierten Körperbilder zeigen weder eindeutig die Posen historischer Kolonialherren noch diejenigen ‚wilder‘ Naturvölker. Vielmehr richten sich die hybriden Köpererweiterungen im Dazwischen ein und regen damit auch zu Reflexionen ‚authentischer Männlichkeit‘ zwischen Eroberer, Kolonialherr und kolonialisiertem Krieger an. Vor allem lenken sie dabei auch den Blick auf den als ‚weiß‘ markierten Körper. (…)

Aus: Sabine Kampmann: „Inversion durch Gemüse. Körperproduktionen in der Videoperformance“(in „Dennis Feser, Various Tapes“, 2009)

 

(…) Das Performancevideo „organic“ (2007) und die 14-teilige Bild-Text-Serie „colonial/desire“ (2007) schreiben das Drama um das Zugleich von Begrenzung und Überwindung des Körpers als eine Strategie des kolonialen Begehrens fort, in dem das Individuum vor allem als „Funktion eines ethnologischen Blicks“ (2) erscheint. „organic“ zeigt den Künstler wiederum in verschiedenen Aktionen, in denen er sich partiell oder vollständig mit verschiedenen Pflanzen oder Lebensmitteln „einkleidet“. Damit verwandelt er sich in ein Hybridwesen, das ebenso auf Oswald de Andrades „Menschenfressermanifest“ aus dem Jahre 1928 und die europäischen Ängste vor dem Kannibalismus anspielt wie auch auf die dort geäußerte Vorstellung verweist, nach der die brasilianische Kultur als Amalgam zu verstehen sei, „die den guten europäischen Geschmack und die Lebensweise der alten Welt frisst, verdaut und etwas Neues, Hybrides gebiert“ (3). „colonial/desire“ kontextualisiert diesen Zusammenhang weiter, indem die Arbeit Foto-Arbeiten aus „organic“, die allerdings gegenüber dem Video jeweils leicht verändert wurden, mit 1557 entstandenen Kupferstichen aus „Amerika“ von Theodore de Bry konfrontiert. Diese Illustrationen zu Hans von Stadens „Historia von den nackten, wilden Menschenfressern“, dem ersten deutschsprachigen Reisebericht über Amerika, erzählen in einer typischen Mischung aus Ekel und Faszination sowie aus dokumentarischer Genauigkeit und Erfindung die europäischen Fantasien von „fremden“ Körpern und bewegen sich dabei in genau der oben beschriebenen Ambivalenzschleife zwischen Abstoßung und Anziehung. Identitätssuche wird hier als eine Bewegung deutlich, die das Begehren nach dem Anderen zugleich an seine Austreibung knüpft und damit das Fremde im eigenen Selbst gleich mit exorziert. Der ethnografische Blick, das wird in diesen Arbeiten beispielhaft deutlich, ist letztlich ein neurotischer Blick, der alles Fremde strukturell mit dem „Bösen“ gleichsetzt und sich dieses gefährliche Andere gleichzeitig als „sehnsüchtige Fiktion in den weißen Körper einschreibt“ (Feser). (…)

Aus: Stephan Berg, „Die Hybridisierung des Körpers“ (in „Dennis Feser, Various Tapes“, 2009)

 

The question of the role of “nature” in the development of body images is especially obvious in the workcolonial/desire (2007). In a photograph from this fourteen-part series of texts and images, a person “clothed” in different types of lettuce and plastic stands wide-legged on the roof of a high-rise building, looking at the fog or smog engulfing the sea of houses in a large city. With his root-topped helmet and carrying the same kind of roots in his hands, as if they were weapons, the warrior armored in vegetables seems oddly out of place. Other photos in the series—such as the reproductions of Theodore de Brys’s copper engravings from a seventeenth-century travel journal illustrated with pictures of “savage cannibals”—refer to a specific context, of which the figure armed with lettuce is also a part: it embodies the colonial perspective of supposedly uncivilized (but therefore happier) archaic cultures: a point of view that must, however, be disappointed. Having arrived in the New World, modernity is the only thing that can be seen from the top of a skyscraper, where the exotic and different was actually expected. Here, nothing is of any help: neither the pose, nor the romantic view of the back of the figure, nor the attempt “to swallow” nature through “lettuce clothing.”

The European longing for a homogenous society thought to be in harmony with nature is mirrored in the natural materials used in colonial/desire, as well as in the work on the body: perceived as distanced and marginalized in modern society, the body once again becomes an important, meaningful instance, due to the “quality of naturalness” ascribed to it. However, the images of the body produced with twigs, turnips, and plastic wrap are not obvious presentations of the postures of historical colonial rulers or of the “untamed” natural populations. Rather, the hybrid body extensions settle somewhere in between, arousing reflections on the “authentic masculinity” of the conqueror, the colonial ruler, and the colonized warrior. Above all, they also direct the gaze to the body marked as “white.“

From: Sabine Kampmann: „Vegetable Inversion. Producing the Body in the Video Performance“ (in „Dennis Feser, Various Tapes“, 2009)

 

 

(…) The Performancevideo „organic“ (2007), and a fourteen-part image and text series, „colonial/desire“ (2007), updates the drama about the simultaneous limitation and transcendence of the body, turning it into a strategy of colonial desire, in which the individual primarily seems to be the “function of an ethnological view.”2 organic once again shows the artist participating in various actions, in which he “dresses” himself partially or completely in different plants or types of food. He transforms himself into a hybrid creature, alluding equally to Oswald de Andrade’s Cannibal Manifesto of 1928 and the European fear of cannibalism, as well as to the manifesto’s expression of the idea that Brazilian culture should be regarded as an amalgamation “that eats and digests good European taste and the Old World’s ways of life, and brings forth something new, hybrid.”3 colonial/desire continues contextualizing this, taking photographic works from organic, which have been slightly altered from the video, and contrasting them to Theodor de Bry’s 1557 copper engravings of American scenes. These engravings were done to illustrate Hans von Staden’s Historia von den nackten, wilden Menschenfressern,4 the first German-language travelogue about America. In a typical mix of repulsion, fascination, documentary precision, and invention, these engravings narrate the European fantasies about the bodies of “foreigners.” In the process, they hover somewhere between disgust and attraction, in exactly the ambivalent knot described above. Here, the search for identity is obviously a movement that connects its desire for the Other to the simultaneous expulsion of the Other, so that the stranger inside oneself is exorcised, too. As is exemplarily articulated here, the ethnographic view is ultimately neurotic, structurally equating everything foreign with “evil,” and yet at the same time, it “inscribes into the white body” this dangerous Other as a “fiction full of longing.” (Feser). (…)

From: Stephan Berg, „The Hybridization of the Body“ (in „Dennis Feser, Various Tapes“, 2009)

 

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