organic

Performancevideo, 2008, 4.30 Min., Farbe, Stereo, DV
Performancevideo, 2008, 4.30 Min., Colour, Stereo, DV

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(…) Das Performancevideo „organic“ (2007) und die 14-teilige Bild-Text-Serie „colonial/desire“ (2007) schreiben das Drama um das Zugleich von Begrenzung und Überwindung des Körpers als eine Strategie des kolonialen Begehrens fort, in dem das Individuum vor allem als „Funktion eines ethnologischen Blicks“ (2) erscheint. „organic“ zeigt den Künstler wiederum in verschiedenen Aktionen, in denen er sich partiell oder vollständig mit verschiedenen Pflanzen oder Lebensmitteln „einkleidet“. Damit verwandelt er sich in ein Hybridwesen, das ebenso auf Oswald de Andrades „Menschenfressermanifest“ aus dem Jahre 1928 und die europäischen Ängste vor dem Kannibalismus anspielt  wie auch auf die dort geäußerte Vorstellung verweist, nach der die brasilianische Kultur als Amalgam zu verstehen sei, „die den guten europäischen Geschmack und die Lebensweise der alten Welt frisst, verdaut und etwas Neues, Hybrides gebiert“ (3). „colonial/desire“ kontextualisiert diesen Zusammenhang weiter, indem die Arbeit Foto-Arbeiten aus „organic“, die allerdings gegenüber dem Video jeweils leicht verändert wurden, mit 1557 entstandenen Kupferstichen aus „Amerika“ von Theodore de Bry konfrontiert. Diese Illustrationen zu Hans von Stadens „Historia von den nackten, wilden Menschenfressern“, dem ersten deutschsprachigen Reisebericht über Amerika, erzählen in einer typischen Mischung aus Ekel und Faszination sowie aus dokumentarischer Genauigkeit und Erfindung die europäischen Fantasien von „fremden“ Körpern und bewegen sich dabei in genau der oben beschriebenen Ambivalenzschleife zwischen Abstoßung und Anziehung. Identitätssuche wird hier als eine Bewegung deutlich, die das Begehren nach dem Anderen zugleich an seine Austreibung knüpft und damit das Fremde im eigenen Selbst gleich mit exorziert. Der ethnografische Blick, das wird in diesen Arbeiten beispielhaft deutlich, ist letztlich ein neurotischer Blick, der alles Fremde strukturell mit dem „Bösen“ gleichsetzt und sich dieses gefährliche Andere gleichzeitig als „sehnsüchtige Fiktion in den weißen Körper einschreibt“ (Feser). (…)

 Aus: Stephan Berg, „Die Hybridisierung des Körpers“ (in „Dennis Feser, Various Tapes“, 2009)

(…) The Performancevideo „organic“ (2007), and a fourteen-part image and text series, „colonial/desire“ (2007), updates the drama about the simultaneous limitation and transcendence of the body, turning it into a strategy of colonial desire, in which the individual primarily seems to be the “function of an ethnological view.”2 organic once again shows the artist participating in various actions, in which he “dresses” himself partially or completely in different plants or types of food. He transforms himself into a hybrid creature, alluding equally to Oswald de Andrade’s Cannibal Manifesto of 1928 and the European fear of cannibalism, as well as to the manifesto’s expression of the idea that Brazilian culture should be regarded as an amalgamation “that eats and digests good European taste and the Old World’s ways of life, and brings forth something new, hybrid.”3 colonial/desire continues contextualizing this, taking photographic works from organic, which have been slightly altered from the video, and contrasting them to Theodor de Bry’s 1557 copper engravings of American scenes. These engravings were done to illustrate Hans von Staden’s Historia von den nackten, wilden Menschenfressern,4 the first German-language travelogue about America. In a typical mix of repulsion, fascination, documentary precision, and invention, these engravings narrate the European fantasies about the bodies of “foreigners.” In the process, they hover somewhere between disgust and attraction, in exactly the ambivalent knot described above. Here, the search for identity is obviously a movement that connects its desire for the Other to the simultaneous expulsion of the Other, so that the stranger inside oneself is exorcised, too. As is exemplarily articulated here, the ethnographic view is ultimately neurotic, structurally equating everything foreign with “evil,” and yet at the same time, it “inscribes into the white body” this dangerous Other as a “fiction full of longing.” (Feser). (…)

From: Stephan Berg, „The Hybridization of the Body“ (in „Dennis Feser, Various Tapes“, 2009)